Monday, December 24, 2007

Einsamkeit

Ich fühle mich einsam und leer. Niemand ist da, mit dem ich sprechen könnte. In meiner Wohnung ist alles, was ich brauche. Nahrung, Kleidung, Möbel und elektronische Unterhaltung. Aber Niemand möchte von mir etwas. Niemand den ich störe, der auf mich böse ist, mit mir lacht oder weint. Es ist nur ruhig.

**************************
Nachdem ich eine Weile gegangen bin, habe ich die Zivilisation hinter mir gelassen und bin in der freien Natur. In den Bergen sitze ich auf einem steinerne Absatz und blicke auf das schöne Panorama um mich herum. Leben wohin ich blicke. Gämsen, Gras und gute Luft.

Der hilfreiche Mann zieht Kraft aus der Einsamkeit. Einmal allein, kommt der Wunsch Anderen zu helfen zur Ruhe und der hilfreiche Mann hat die Chance, in sich hineinzublicken. Er kann die Einsamkeit in sich betrachten, kann erforschen, warum sie ihm Stärke bringt. Warum ihm, warum nicht den anderen Menschen?

Der hilfreiche Mann öffnet ein mentales Auge, sobald er allein ist. Er verbindet sich mit der Welt um ihn herum. Sein mentales Auge zeigt ihm die Dinge, die er sehen muss. Dinge die ihm helfen werden zu überleben. Ein hilfreicher Mann der im Alltag schweigt, der nicht redet, der öffnet auch sein mentales Auge und sieht die Dinge, die er zum Überleben braucht.

Schweigen in Anwesenheit von Leuten geht für den hilfreichen Mann einher mit der gesuchten Einsamkeit. Warum ist das so?

Weil Menschen ihre alltägliche Welt mit Worten aufbauen. Alles was Menschen tun, können sie mit Worten erklären. Nur Dinge mit Namen sind für sie da und daher erfinden Betrüger sogar Namen, um andere Menschen Nichts für gutes Geld zu verkaufen.

Die Menschen um mich herum sind Geschöpfe der Worte, Geschöpfe des Redens. Sie müssen sprechen, um zu existieren. Sie reden und reden nur um sich stark zu fühlen. Die Ruhe, die Stille und die Einsamkeit machen ihnen Angst. Wenn es dann Weihnachten wird, dann ist der Effekt am Größten. Weihnachten ist ein Fest von Vielen, wo sich die Familie trifft.

Da viele alte Leute heute alleine leben und ein Partner häufig vor dem Anderen verstirbt, ist Einsamkeit gerade zu Weihnachten eine schmerzliche Erfahrung. Das, was den Einsamen am wehsten tut, ist kein Gespräch führen zu können.

"Oma hat dies, Oma hat das, was soll ihr fehlen, sie hat doch alles?" Das ist die Frage der Menschen, die die Bedeutung der Einsamkeit nicht begriffen haben. Wenn ein Mensch in der Natur alleine ist, dann ist er in Lebensgefahr. Das ist das alte Programm in den Genen. Deine Herde muss in der Nähe sein.

Wer länger nicht mit Menschen spricht und sei es in der Kirche, im Gottesdienst oder beim Einkaufen, der kann einen wichtigen inneren Schalter nicht betätigen. Der Schalter des "ich bin mit meiner Gruppe im Einklang - wir beschützen uns gegenseitig." Warum ist das so wichtig für einsame Menschen?

Die Seele eines Menschen ist ein feines, empfindsames und verletzliches Wesen. Dieser Empfindsamkeit sind die besten Erkenntnisse der Menschheit geschuldet, das Verstehen von Zusammenhängen verstandesmäßiger und gefühlsmäßiger Natur. Und diese Welt wird jeden Tag ein kleiner, und wird jeden Tag beschädigt, den ich nicht rede.

Der Grund dafür heißt Vergessen. Wir können vergessen, das soll das Gehirn entlasten. Wir können aber auch die Menschen um uns herum vergessen. Wir können die Welt vergessen. Mit dem Vergessen wird sie kleiner. Mit jedem Vergessen von menschlichen Kontakten werden wir verletzt, so verletzt, als ob jemand stirbt oder krank ist.

Wenn den alten Menschen die Freunde sterben, dann können sie sich noch an die gemeinsamen Zeiten erinnern, aber es gibt keinen Grund mehr den Freund zu besuchen, es gibt keinen Grund mehr ihm etwas zu erzählen, ihm ein Geschenk auszusuchen. Die Welt ist kleiner geworden.

All das ändert sich, wenn wir reden, wenn wir mit Menschen sprechen. Wir haben Kontakt, jeder Mensch ist anders und wir müssen uns auf ihn einstellen. Das erweitert unsere Welt. Und wir haben vielleicht jemanden gefunden, der von unseren Erfahrungen profitieren kann, für den mein Wissen bedeutsam sein könnte.

Sprecht mit einsamen Menschen. Nehmt euch Zeit für alte Menschen, für ein Gespräch. Wenn sie langsamer sind im Reden, dann vielleicht, weil sie nicht so viel Übung haben. Geduld, jeder alte Mensch ist eine Datenbank unschätzbarer Erfahrungen, die ich nur in meine eigene Welt übersetzen muss. Diese kurze Moment des Gesprächs macht uns alle reicher und gesünder. Gerade jetzt zu Weihnachten, wenn die Einsamkeit für die Einsamen unter uns so beißend schmerzhaft wird, dass es einem körperlichen Schmerz gleichkommt, da kann ein kleines Gespräch Wunder wirken.

Und wenn ich der hilfreiche Mann bin, dann sollte ich mir sagen, dass nicht alle in der Einsamkeit stärker werden.

********************************

  • Einsame Menschen können Redeclubs besuchen, wie z. B. die Toastmaster International.
  • Junge Menschen können in Altersheimen sich bei der Pflegeleitung erkundigen, ob es ältere Menschen gibt, die ausgefahren werden wollen. Jemanden im Park spazieren zu fahren und ein Gespräch zu führen ist eine gute Tat.
  • Einsame Menschen können ehrenamtliche Tätigkeiten übernehmen und so Kontakte pflegen.
  • Einsame Menschen können Theatergruppen gründen und in Altersheimen Vorführungen anbieten.
  • Einsame Menschen können Lesungen abhalten, sich mit Gleichgesinnten zu Literaturclubs zusammenfinden und und und.
Man ist mit seiner Einsamkeit nicht allein, egal welche Idee ein einsamer Mensch hat, andere Einsame sind bereits darauf gekommen. Es fehlt jetzt nur am Mann oder der Frau der Tat den Anstoß zu geben, durch ein Inserat, einen Blog oder Mundpropaganda.

Links:
Kirchgänger atmen länger, Sozialer Austausch Kriterium für längeres Leben?
Stabilität und Veränderung psychologischer Effekte im höheren Erwachsenenalter.
Soziale Beziehungen - zwischenmenschliche Zuwendung

4 comments:

logopiene said...

Hallo Ray,

der "Zufall" führte mich hierher auf deine Seite.

Gerade sitze ich am PC, niemand ist hier zum Reden zum Lachen etc.. grad so wie du es beschrieben hast...

Einsame Menschen haben oft mehr Worte auf den Lippen als andere. Andere haben heute keine Zeit mehr, diesen Worten wirklich zu lauschen.

Menschen mit Tiefgang haben es auch schwerer ihr Bedürfnis nach Austausch zu befriedigen. Zu oberflächlich wird doch geredet.
Allein die Frage : "Wie geht es?"
Sie ist nicht ernst gemeint. Ich beantworte sie nicht mehr.

Wenn ich länger nicht mit Menschen gesprochen habe merke ich, dass mir mein Gefühl für gemeinsam gelebte Befindlichkeit abhanden kommt.Ich kann gar nicht mehr sagen, ob ich schlecht gelaunt bin oder wie es mit meiner manchmal doch empfundenen Aggressivität ausschaut. Bin ich noch ein Morgenmuffel?
Die Reibung an dem Gegenüber fehlt dann.

Und doch ist auch das selbstgewählte Alleinsein mein Bedürfnis - immer wieder. Ich brauche beides.. ich wünsch mir beides.. doch "das Leben ist kein Wunschkonzert!"

Nicht jede/r kann sich spontan aus dem Alleinsein heraus irgendwo anschließen. Gruppen sind mir ein Graus..*gruselundgrins

Ich wünsche dir unbekannterweise eine gute (Weihnachts)Zeit

..schreibt die logopiene

Ray Gratzner said...

Hallo logopiene, herzlichen Dank für Deinen Kommentar, den ich sehr bildhaft und sehr persönlich finde. Danke.

Auch Dir ein schönes Weihnachtsfest.

Wayne said...

Hallo Rainer, ich finde Deine Seite sehr interessant. Wirklich geistreich und auch so lieb! Es hat auch niemand von den Kommentatoren ein an der Waffel, daher komme ich jetzt regelmäßig. In leuchtender Verbundenheit:
Dein Wayne, Bruder im Geiste

Ray Gratzner said...

@wayne: Danke für Deinen Kommentar. Ich habe das Gefühl, das er ein bißchen ironisch gemeint ist.
Ich bin manchmal auch ironisch. Ich meine dann, dass ich mit meiner Sicht der Dinge einfach mehr recht habe, als Andere.

Dabei gibt es doch viele Sichtweisen, die aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswege ihre Berechtigung haben.