Friday, May 2, 2008

Erinnerungen


Vor einigen Jahren starb meine Mutter an Krebs. Sie wusste, dass der Krebs eines Tages stärker sein würde als sie und sie war in ihrem letzten Lebensjahr sehr oft und häufig im Krankenhaus zur Operation, zur Behandlung. Im lauf der Krankheit veränderte sie sich. Sie freute sich über Besuch von Menschen, über die sie vorher nur geschimpft hatte. Sie sah das Liebenswerte in den Menschen und ich glaube, sie wendete sich dem Glauben vermehrt zu.

Sie färbte ihre Haare nicht mehr.

Einmal, erinnere ich mich, überlegte sie ob sie ihrer Jugendfreundin schreiben sollte. Sie hatte immer sehr liebevoll über diese Freundin gesprochen und sie hatten sich aus den Augen verloren, als beide Freundinnen verheiratet war. Sie fing immer wieder ein Brief an und verwarf ihn dann schließlich. "Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, nach all den Jahren weiß ich nicht wie ich erklären soll, warum ich mich melde."

Ich lebte nicht mehr in derselben Stadt und konnte meine Mutter vergleichsweise selten besuchen. Als ich sie das letzte Mal lebend sah , sie war im Krankenhaus, da war sie aufgeräumt und hatte gute Laune. Schließlich verabschiedete ich mich und warf ihr einen letzten Blick zu. Meine Mutter sah mich auf eine Art an, die anders war, als ich es je zuvor von ihr gesehen hatte. Ich war irritiert und fragte, "Ist etwas los."
"Nein", es ist nichts sagte sie. "Mach' es gut", und sie lächelte.

Der Blick blieb tief in mir haften aber dann tat ich ihn beiseite. Wenige Tage später rief mich mein Bruder an, das Krankenhaus hätte sich gemeldet. Wenn wir unsere Mutter noch lebend sehen wollten, dann sollten wir kommen. Er kam mit seinem Wagen vorbei, ich besaß kein Auto, und wir fuhren gemeinsam in das Krankenhaus.

Meine Mutter war bereits gestorben. Sie lag in ihrem Bett auf dem Rücken. Sie war noch warm und erst vor wenigen Minuten eingeschlafen. Mir wurde klar, was im Blick meiner Mutter gelegen hatte, als wir uns das letzte Mal sahen. Sie hatte gewusst, dass wir uns nicht mehr sehen werden. Sie hatte mir ihren letzten Blick zugeworfen, wissend, dass die Zeit gekommen war.

Als ich mich von meiner Mutter verabschiedete, da erfasste mich ein intensives Gefühl mich mit allen Menschen zu vertragen. Mir war es, als wäre dies der letzte Wunsch meiner Mutter gewesen, ihre Söhne in Frieden leben zu sehen.

Nach zwanzig Jahren, die sie im Grabe ruht, tut der Verlust mir von Zeit zu Zeit immer noch weh. In meinen Meditationen über die Erinnerungen an sie tauchten heute zwei Bilder auf. In dem einen Bild fühle ich das Lebensgefühl eines schmerzerfüllten Körpers ohne jede Hoffnung auf einen Ausweg und in dem anderen Bild scheint es mir, als sei meine Mutter gerade gestorben und ein tiefer Friede und Schmerzfreiheit erfüllten sie, so als sei sie einverstanden, dass es jetzt vorbei ist. Beide Bilder tragen für mich das Gefühl einer intensiven Gewissheit in sich.

Wenn der Tod meiner Mutter ihren Körper nahm, so sind doch Spuren ihrer Seele, ihrer Gefühle und des Lichtes ihrer Liebe in meinen Erinnerungen noch vorhanden.

6 comments:

Dori said...

Lieber Ray,
ich finde es sehr schön, dass Du diese liebevolle Erinnerung an Deine Mutter hast, nach all den Jahren.
Ich kann auch Deine Mutter sehr gut verstehen, die in Frieden gehen wollte. Im Angesicht einer solchen Krankheit ist man einfach nur noch positiv eingestellt, man sieht das Schöne auf dieser Welt viel intensiver, und Dinge, über die man sich vielleicht mal geärgert hat, sind völlig unwichtig geworden. Man will einfach nur noch Liebe und Frieden verspüren.
Ich danke Dir für diese gefühlvollen Worte.
Dori

schocan said...

das hast Du wirklich sehr schön beschrieben.
Der Partner meiner Mutter hat glaub ich auch gespürt, daß es zu Ende geht, er hat entsprechende Äußerungen gemacht, die wir natürlich nicht ernst genommen haben, weil wir zu dem Zeitpunkt noch alle nicht wußten, wie sehr er schon krank war. Ich denke auch oft an diese Momente und sie rühren mich sehr an.

Gabaretha said...

Lieber Ray,
es ist sehr schwer einen geliebten Menschen loszulassen, wenn er gehen muss. Danke für Deine Offenheit.
Love & Light,
Gaba

Ray Gratzner said...

Liebe Dori, Du hast es schön auf den Punkt gebracht, wie Menschen sich in einer solchen Situation fühlen. Vielen Dank.

Liebe schocan, ja ich denke,ich würde solche Äußerungen nicht glauben wollen, um mit positven Bildern Positves anzuziehen.

Liebe gaba, loslassen ist schwer, aber je älter man wird, umo besser und besser wird man darin ;-)

der Gauzibauz said...

Lieber Ray,

als meine Mutter vor 16 Jahren einen meiner Ansicht nach unschönen Tod starb, wusste ich drei Tage vorher wann es sein würde. Damals musste ich arbeiten und wusste, dass es mir niemals gelingen würde rechtzeitig dort zu sein wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Deshalb hab ich einen Kartenleger konsultiert der mir den Todeszeitpunkt auspendelte.
Am Tag vor ihrem Tod hab ich schwarze Kleider gekauft und bin anschliessend zu ihr ins Krankenhaus um die letzte Nacht mit ihr zu verbringen.
Sonntagnachmittag punkt 3°° starb sie in meinen Armen. Der Kartenleger hatte falsch interpretiert. Nicht 21°° sondern die neunte Stunde des Tages hätte es heissen müssen. Das wurde mir 7 Jahre später klar, als ich um drei auf ihre Wohnzimmeruhr starrte.
Meine Mutter war oft bei mir, uns.
Oft hab ich sie gespürt, bis jetzt vor 3-4 Jahren. Offenbar ist sie jetzt weiter ins Licht.
Geblieben ist ihre Wesensart, ihre Kochkunst und ihre Redensarten.
Mir geht es wie dir, oft fehlt sie mir, gerne würd ich mal wieder mit ihr sprechen. Und in Zeiten wie diesen fehlt sie mir besonders.
Übrigens hätte sie am Montag Geburtstag, gestern war ich an ihrem Grab.
Ich danke dir, dass du dieses thema angesprochen hast und ich einen grund habe darüber zu schreiben.

Liebe Grüsse//Erika

Ray Gratzner said...

Liebe Erika, ich danke Dir für Deine Offenheit mit Deiner persönlichen Geschichte zum Schicksal Deiner Mutter.
Ich finde es schön, dass Du deine Mutter im Licht noch spüren konntest und das sie im Alltag ein Erbe hinterlassen hat.