Saturday, January 10, 2009

Busfahrt


Ein Mann und eine Frau sitzen in einem Bus. Der Bus fährt über eine unebene Straße und die Passagiere wackeln vor und zurück, nach rechts und nach links.

Immer wenn Sie mit ihm zusammenstößt, dann zuckt sie ein wenig zusammen und wirft sich mit dem Oberkörper auf 'ihre' Seite. Doch der kurze körperlichen Kontakt fühlt sich wohlig an. Sie riskiert einen Blick zu ihm. Kantiges Kinn, blaue Augen, Drei-Tage-Bart. Und er duftet gut. Sie blickt wieder nach vorn und schließt die Augen. Sie folgt dem Duft und sieht eine Fabrikhalle vor sich. Die Luft ist erfüllt von Flocken, die das Atmen schwer machen. Ein Nebel feuchtwarmer Luft hängt über allem. Der Nebel steigt von einem Papierbrei auf, der eine haushohe Maschine füttert. Nichts in diesem Bild ist auch nur annähernd so klein, dass es von Menschenhand bewegt werden könnte.

Der Mann neben ihr bedient einen kleinen Kran mit dem er eine fertige Papierrolle von seinem Standort hebt. Er konzentriert sich sehr, denn er sieht wenig und er hört so gut wie nichts, denn die haushohe Maschine ist so laut, das man sein eigenes Wort nicht verstehen könnte und dass jedermann gewiss bald taub wäre, wenn er keinen Gehörschutz trüge.

Er muss sich mit der Rolle beeilen, denn Zeit ist Geld. Und auch wenn die Arbeit schwer ist, so liebt dieser Mann seinen Job doch. Es sind keine Blumen seitlich am Wegesrand, nur dunkelgrün bemalter Betonboden, auf dem in knallgelben Farben der Weg eingezeichnet ist, den man hier laufen darf, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen. Wer nicht achtsam ist, stirbt oder verliert einen Arm oder die Beine.

Die Eile ist allgegenwärtig in dieser von Kunstlicht erhellten Welt, egal ob er sich wohl fühlt, müde ist, traurig ist. Die Maschine bestimmt den Takt seines Lebens, doch manchmal stockt die Maschine und es wird still. Ein Mechaniker hastet in verdreckter Arbeitskleidung heran und verschwindet in den Eingeweiden des Monsters - alles unter beständiger Lebensgefahr, die man hier vergisst, weil das hier alles normal und der Alltag ist.

Die Schweiß durchnässt die Kleidung. Er ist glücklich. Seine Arbeit ist produktiv. Wenn die Sirene geht, nimmt eine Kollege seinen Kran entgegen. Er geht langsam, genießt den Feierabend in die Umkleide und dann unter die Dusche. Duschen und Einseifen und ein wenig parfümieren, damit der Geruch der Halle nicht mehr an ihm haftet. Schließlich tritt er ins Freie geblendet vom Tageslicht. In einer Müllecke durchbricht eine kleine Blume den Asphalt. Sie blüht, er bemerkt sie und lächelt, doch keiner wird es bemerken, wenn der Bulldozzer sie in zwei Tagen überfahren wird, wenn der Müll wieder abtransportiert wird.

Der Bus stoppt und sie öffnet die Augen, sieht nun die Ränder unter den Augen und den blassen Teint. Der schweigsame Mund. Er wischt ein Papierflocke von seiner Hose und steht auf und steigt aus.

4 comments:

Hexe said...

Au weia, das ist aber eine sehr intensive Schilderung. Und der Schluss ist sehr bedrückend.

Astraryllis said...

Eine sehr intensive Geschichte. Nun überlege ich, ob es okay ist, wenn die Blume plattgewalzt wird, wenn sie zuvor auch nur einem einzigen Individuum eine kleine Freude gebracht hat.
Aber das ist eine philosophische Frage und da meldet sich in mir die Botanikerin und meint, dass - um es mit Herrmann Hesse zu sagen - jede Blüte zur Frucht drängt.

Liebe Grüße,
Astraryllis.

Ray Gratzner said...

Liebe Hexe, danke für Dein feedback. Es ist immer wieder schön zu erfahren, wie ein Text bei anderen wirkt... Mir ging es um die verschiedenen Welten, in denen wir alle leben obwohl wir in der Öffentlichkeit zusammentreffen.....
LG Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe astraryllis. Ein schöber Gesichtspunkt, dass jede Blüte zur Frucht drängt....Aber in den Fabrikanlagen muss man den Lebenswillen der Pflanzen nur bewundern, die todesmutig immer wieder in diese lebensfeindlichen Räume einwandern....
LG Rainer