Thursday, March 24, 2011

Das Wissen und die Eitelkeit

Ein junger Mann, vielversprechend, schön und wortgewandt lag einst im Frühling auf einer Wiese. Da kam das Wissen vorbei. Oh, dachte das Wissen, was wäre das für ein Gewinn für diese Welt, wenn so viel Schönheit auch über Wissen verfügte.
Das Wissen näherte sich dem jungen Mann und schenkte ihm einen Schlummer. Dann machte sich das Wissen emsig daran, die schönsten Weisheiten in kleine Energiekugeln zu fassen und träufelte diese Kugeln langsam auf den Schönling.
Dann machte sich das Wissen davon.
Im Herbst kehrte das Wissen zurück und erkannte den jungen Mann kaum wieder. Die Haare speckig, die Figur ein wenig füllig. Dort saß der Jüngling mit einem Buch vor der Nase.
Das Wissen näherte sich in Form einer schönen jungen Dame.
"Na", fragte das Wissen. "Wie geht's."
"Nicht so gut", brummte der junge Mann. "Ich leide an der Oberflächlichkeit dieser Welt. Alle wollen nur den schönen Schein. Einst war ich auch so. Aber Gott sei Dank. Ich konnte der Eitelkeit entkommen."
"Aha", sprach das Wissen und entfernte sich.
Das Wissen suchte die Leidenschaft auf. "Ich glaube ich habe einen Fehler gemacht. Ich wollte einem schönen jungen Mann mit Wissen beschenken. Doch die Schönheit ging, weil das Wissen alle Leidenschaft für das Schöne entwertete. Kannst Du ihm nicht ein wenig Leidenschaft schenken und damit meinen Fehler wieder gut machen?"
"Niemals", ereiferte sich die Leidenschaft. "Ich würde nur eine unstillbare Suche entfachen und der junge Mann wäre in kurzer Zeit vollends hässlich und voll vernachlässigt."
So ging das Wissen unverrichteter Weise von dannen, bereit die Bürde zu tragen.

Ist Eitelkeit ein Wert, den wir aufgeben, wenn unser Wissen wächst.

9 comments:

Gabaretha said...

Lieber Rainer,
vielen Dank für die interessante Geschichte.
Für mich ist sie eine schöne Metapher für die stete Unzufriedenheit die so häufig in der Welt zu finden ist.
Ich wünsche Dir einen sonnigen Sonnentag mit vielen guten Gefühlen,
alles Liebe ...und immer besser und besser, Gaba

Grey Owl Calluna said...

Ja, lieber Ray, bei mir war das so.

Als ich durch Tabletten dick wurde, und mir durch die Chemo alle Haare ausfielen.....legte ich alle Eitelkeiten ab.....und begann gezielt zu lernen...zu leben, zu erfahren und wahr zu nehmen. Mein Leben wurde reicher...im Innen...
Liebe Grüße
Grey Owl

Ray Gratzner said...

Liebe Gaba,

stete Unzufriedenheit, das kann in der ständigen Suche liegen. Ich kenne eine Menge Herren, die an diesem Leiden leiden.

Liebe Grüße ins Isartal
Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe Grey Owl,

da bist Du durch eine harte Schule gegangen *schluck*.

Liebe Grüße Rainer

neuealtewelt said...

Hi Ray,

die Geschichte erinnert mich stark an einen Text von Oscar Wilde (an die Statue vom goldenen Prinzen und das Vögelchen).

Sehr schön.

lG,
Daniel

PM said...

Hi Ray,

ich glaube nicht, dass Wissen und Eitelkeit sich widersprechen. Es gibt genug Leute, die sich für besonders klug halten, also eitel auf ihre Intelligenz/Bildung sind.

Ferner gibt es ein Vorurteil, aufgrund dessen attraktive Männer oft auch für intelligent gehalten werden. Häufig hält man sie darüber hinaus für gute Menschen; alles aufgrund des Aussehens. Ein gutes Beispiel für das Wirken dieses Vorurteils ist die Hype um unseren Ex-Bundeswehrminister.

Aber das ist natürlich nicht der Punkt Deiner Geschichte.

Die finde ich übrigens sehr schön und gut erzählt.

Liebe Grüße
PM

Ray Gratzner said...

Lieber Daniel,

vielen Dank für diese Lese-Empfehlung, denn leider kenne ich die Geschichte von H. Wilde nicht, werde Sie mir aber mal zu Gemüte führen :-)) Liebe Grüße Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe PM,

vielen Dank für diese Sichtweise. Die Bildungseitelkeit, ok - eine Art nicht sofort sichtbare Eitelkeit ok.

Ja, die schönen intelligenten Männer, das wünscht sich das Schwiegermutter herz...

Liebe Grüße Rainer

AnnaFelicitas said...

Lieber Rainer,

ich denke, dass wir alle so darauf trainiert sind in Uniformen herumzulaufen und in Schablonen zu denken, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass Äußerlichkeiten nicht unbedingt das Innere spiegeln müssen und es - in meinem Augen - auch gar nicht sollten. Wieviel mehr würde es uns befeuern, hinter den "schönen Schein" zu schauen, wenn wir Kleidung, Frisuren, Make-up usw. als das betrachten würden, was sie (vielleicht?) eigentlich sind: Momentaufnahmen von Stimmungen in denen sich der jeweilige Träger gerade befindet.

Alles Liebe
Anna

PS: Zu deiner vorigen Antwort möchte ich dir erzählen, was meine Mutter immer gesagt hat: "Vom schönen Teller kann man nicht essen, wenn nichts drauf ist!" ;)