Sunday, January 1, 2012

Der einsame Mann


Der einsame Mann saß am Abgrund und schaute hinunter ins Tal. Das Grün der Pflanzen erstreckte sich bis an den Horizont. Das Tal sah fruchtbar aus.
Viele Schritte von da unten nach hier oben waren es. Zuviele, um sie zu zählen. Zu wenige, um den Aufstieg zu vergessen. Der Himmel über ihm war klar blau und sonnig und er fühlte sich eingehüllt von der Einsamkeit. Nichts hier oben schien zu leben. Alles war aus Stein, feurig rot und orange. Seine Hand fühlte das von der Sonne gewärmte Gestein und eine Trauer befiel ihn. Das Bild seiner Mutter huschte durch seinen Geist. Nie wäre sie zu ihren Lebzeiten aus dem Tal nach hier oben gekommen. Dann hätte sie gesehen, was er jetzt sah.
Freude erfüllte ihn. Freude am Leben und der Schöpfung. Freude an diesem Sonnentag.

Unter ihm in vielleicht tausend oder zweitausend Meter Tiefe, da war es laut gewesen, Tiere hatten geschrien. Vögel gesungen. Bäche hatten geplätschert und das Lachen der Menschen trug weit über die Wiesen.

Während er da saß, kam eine weise Eidechse des Weges. Sie spürte die Einsamkeit dieses merkwürdigen Wesens und kam näher heran, weil sie neugierig war. Sie spürte, dass der Geist des Menschen gefangen war in einem Traum der Vergangenheit. "Deswegen schaut er ins Tal, er schaut zurück in seine Vergangenheit. Hier oben allerdings wird ihn nichts nähren", dachte die Eidechse. So verwandelte sich der Geist der Eidechse in den Urahn und dieser gesellte sich zum Traum der Vergangenheit. "Solange du hier oben bist, will ich dein Gefährte sein", sagte der Urahn zum Traum des Menschen. Der Traum blickte zum Urahn rüber und sagte, "Danke, ich weiß das zu schätzen, aber er träumt seine Träume nicht mehr. Er sitzt da und berührt sie nicht".

Da gaben sich der Traum und der Urahn die Hand. Gemeinsam waren sie erfüllt vom Geist des Lebens. Lange noch bevor die Sonne sank, machte sich der einsame Mann auf, um in das Tal hinabzusteigen. Sein Traum un der Urahn saßen noch eine Weile weiter zusammen auf dem Berg.

6 comments:

Irmi said...

Lieber Rainer,
nein, vergessen habe ich dich und dein Blog bstimmt nicht. Ich habe in den letzten Wochen nicht kommentiert.
Oftmals nicht einmal gelesen. Jetzt geht es wieder.
Ich wünsche Dir ein gesundes, erfolgreiches 2012. Nun bin ich wieder da.
Deine Geschichte hat mich tief berührt.
Liebe Grüße
Irmi

Postpanamamaxi said...

Lieber Ray,
eine schöne Geschichte. Manchmal müssen wir unsere Träume und Erinnerungen loslassen, damit sie ihren eigenen Weg gehen und wir unseren Weg zur Weisheit finden.

Ich mag Eidechsen so sehr, dass ich mir vor Jahren mal ein Tattoo habe stechen lassen. Heute würde man es Jugendsünde nennen und ich würde es jetzt auch nicht mehr machen, aber damals war es wichtig und richtig für mich. Und so trage ich meine Eidechse bis an mein Lebensende.
Und warum Eidechsen? Weil sie das Licht lieben, bei Gefahr blitzschnell entkommen, weil sie unscheinbar sind und die allerschönsten Augen haben (wenn man sich auf sie einlässt und nah genug rankommt, um sie zu erkennen) und weil Eidechsen bei so vielen Kulturen dieser Welt als Weisheitssucher gelten.

Eidechsige Grüße und ein schönes neues Jahr für Dich!

Ray Gratzner said...

Liebe Irmi,

vielen Dank für Deinen lieben Besuch und auch Dir alles Gute für 2012...

Danke
Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe Postpanamamaxi, vielen Dank, dass Du Deine Gedanke zu Eidechsen hier teilst.

Ein Eidechsentattoo ist bestimmt keine Sünde - Du bist halt ein Pikte, die wohnen doch im Norden nech?

Liebe Grüße und auch wunderbare Wünsche für das Jahr 2012...
Rainer

Postpanamamaxi said...

Oh, wo die Pikten einst hausten, rocken jetzt die Schotten...bei mir sind es eher die wilden Wikinger!
;-)

AnnaFelicitas said...

Die Hoffnung stirbt zuletzt heißt es. Ich glaube ja eher, dass es die Träume sind.

Danke für diese schöne Geschichte, lieber Rainer.

Alles Liebe
Anna