Monday, October 15, 2012

Stirbt er?

Nachdem ich das Bewusstsein verloren hatte, kam ich irgendwann wieder zu mir. Ich fühlte mich schwach, unbeweglich und schnappte fürs Erste nur Wortfetzen auf. Eine weibliche Stimme und eine männliche Stimme sprachen leise miteinander.

"Er könnte sterben....Ich glaube er wacht auf. ... Es war knapp"

"Ray, hörst Du mich", fragte die männliche Stimme.
 Als Antwort schlug ich die Augen auf. Ich sah in ein ernstes Gesicht, von grauen Haaren eingerahmt. Er ging zur Seite und ich blickte in ein Frauengesicht.
"Hallo Ray", ihre Stimme elektrisierte mich, die Stimme hörte ich nicht nur, sie summte in meiner Brust und schien in Wellen durch meinen Körper zu laufen.
"Ray, ich möchte Dir keine Angst machen, aber es geht Dir schlecht, sehr schlecht. Verstehst Du das?"
Ich nickte. Ich fühlte mich echt scheiße schlecht.
"Wir haben Dich auf einen besonderen Platz gebracht, der Dir wohlwollend gesinnt ist. Wir können Dich heilen, wenn Du meiner Stimme folgst."
Ich hatte das merkwürdige Gefühl, als ob das Vibrieren ihrer Stimme meine Aufmerksamkeit aus meinem Körper zog und mich mit diesem Platz verband. Nur dass es sich für mich nicht wie ein fester Platz anfühlte sondern wie eine feuchte elektrische Stelle.
"Jemand hat Dich sehr verletzt. Fühlst Du diese Verletzung? "
Ich folgte Ihrem Stimmrhythmus und landete in einer morastigen Gegend, die intensiv zu bluten schien. Ich wurde massiv traurig und erinnerte mich an meine früheste Kindheit. Ich nickte wie ein Kleinkind.
"Wer hat das getan?"
"Mein ... Vati."
"Was hat Dein Vati getan?"
"Er liebt mich nicht. Er ist gemein zu mir." Mich überfluteten Erinnerungen, von meinem Vater, der nie mit uns Kindern redete, der meine Brüder schlug, der ein Haustyrann für uns Kinder war.
"Dein Vater hat Dich dazu gebracht, dass Du Deine Zukunft ablehnst."
Während Sie das so sagte, erinnerte ich mich an die vielen Male, wo ich als Kleinkind mir gesagt hatte, so willst Du nicht leben. Das ist kein Leben, wie ich es leben möchte. Ich wollte, ich könnte woanders aufwachsen... Ja, ich wollte mein Leben schon als kleines Kind nicht mehr. Ich wurde krank und wäre fast gestorben...
"Der Platz hier, auf dem Du liegst, ist Dein Freund, lass' Ihn Dir helfen. Nehm' einfach die Zukunft die dieser Platz Dir zeigt an, als ob er ein guter Freund oder Vater wäre."
Ihre Worte hallten in meinem Inneren wieder. Bestimmt hatte sie nur einmal gesprochen aber immer und immer wieder hörte ich den Satz und ich spürte diese elektrische Feuchtigkeit. Dann brach ein Damm und der ganze Morast schien aus mir rauszukippen während gleichzeitig, diese elektriserende Feuchtigkeit in mich hineinlief wie Wasser in einen Schwamm. Ich fühlte meine innere Stärke anwachsen und ich sah tausende Bilder an mir vorbeilaufen, von glücklichen Kindern, einem unendlichen Strom glücklicher Kinder, die Zeit für sich hatten und geliebt wurden. Irgendwann konnte ich zwischen mir, diesen Erinnerungen und einem inetnsiven Gefühl der Liebe nicht mehr unterschieden.
Er rüttelte mich. "He Ray, es ist genug, setz' Dich auf."
Sie zeigte mir einen Spiegel. Ich machte einen deutlich entspannteren und vollständigeren Eindruck, als in dem Spiegel der Wasseroberfläche. "Du musst noch ein Weilchen bleiben ok."
Ich nickte und sie ging.
"Ray, hier unter uns gesagt, das war knapp. Wir Menschen können uns sehr schnell töten, wenn wir unser Leben nicht wollen und nicht annehmen. Wir Menschen können Zeit und Ort unseres Todes frei wählen und daher sollten wir gut überlegen, aus welchen Gründen wir ein Leben wieder zurückgeben wollen. Denkst Du es war ein ausreichender Grund, dass Dein Vater keine Ahnung davon hatte, wie er euch Kindern eine glückliche Kindheit schenken kann?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Bestimmt nicht.  Gründe zu sterben sollten mit Dir selber zu tun haben, aber niemals mit dem, was andere Menschen tun. Ein Mensch ist nicht des anderen Menschen Tod. Ein Mensch ist  des anderen Menschen Spiegel, aber wir sind in der Regel unser eigener Tod, ob es uns gefällt oder nicht. Lass Deinen Vater los, verzeih' ihm, dass er keine Ahnung von Kindern hatte und egoistisch war. Vor Dir liegt ein ganzes Leben, in dem Du alles anders machen kannst. Und also entscheide Dich stets für das Leben, wenn Du in den Spiegel anderer Menschen schaust, denn Du siehst Dich selbst."
Ich fühlte mich angestrengt...
"Ist ok. Wir machen eine Pause."







8 comments:

Angelika said...

Lieber Rainer
So sind die Menschen, die Väter, sie haben ihre vorgefertigte Meinung und die steht.
Wie es in den Seelen der Kinder aussieht, sehen, oder wollen sie nicht sehen.
Manchen Vätern sollte es verwehrt bleiben, je Kinder in die Welt zu setzen.

Hab einen schönen Dienstag und sei ♥ lichst gegrüßt
Angelika

Grey Owl Calluna said...

Bei mir war's die Mutter.
Beim Jörg auch......
Aber auch sie waren nur Kinder ihrer Zeit, der patriarchalen Gesellschaft, in der "man" wenig Gefühl zeigen darf.
Liebe Grüße
Grey Owl

Ray Gratzner said...

Liebe Angelika,

ja, das Mitempfinden und Mitleiden, dass könnte manchem Vater gut tun.

Ich denke mir auch, es hängt für diese Väter ein Preisschild dran, den Preis müssen sie aber erst bezahlen, wenn die Kinder groß sind...
Liebe Grüße Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe Grey Owl,

ich denke Mütter können durchaus noch energischere Probleme als Väter sein...

Meine Anteilnahme...

Liebe Grüße Rainer

Postpanamamaxi said...

Lieber Ray,
ich erinnere mich an einen Vater, der nie Zeit hatte, weil er immer gearbeitet hat. Ich erinnere mich an sovieles aus der Zeit, auch an Gefühle, die lange nicht ausgesprochen wurden.
Und ich erlebe jetzt, wie es mich versöhnt, wenn mein Vater mit meinen Söhnen das erlebt, wozu er sich damals nicht die Zeit nehmen konnte. Weil er gefangen war von dem Drang, als Familienversorger gebraucht zu werden.
Und ich erlebe, wie meine Mutter endlich anfängt, über das zu sprechen, was ich damals nur wortlos gespürt habe. Weil sie sich niemals bei einem Schulkind ausgesprochen hätte...
Ich mache es anders mit meinen Kindern. Ihre Fehler wiederhole ich nicht. Dafür mache ich andere Fehler. Und hoffe, dass meine Kinder mir dereinst vergeben werden.

Ray Gratzner said...

Liebe Postpanamamaxi,

die perfekte Mutter gibt es nie, aber ich glaube, dass Du Deinen Kindern einzigartige Möglichkeiten zum Wachsen bietest...

Liebe Grüße Rainer

Gabriele Bauer said...

Lieber Rainer,
Deine Erzählung hat mich berührt. Übrigens: Schön, dass Du da bist!
Alles Liebe aus dem Isartal,
besser und besser,
Gaba

Ray Gratzner said...

Liebe Gaba,

danke für Deine Kompliment, was mir ein wenig die Röte in die Wangen treibt...

Liebe Grüße an die sonnige Isar...
Rainer