Tuesday, September 20, 2011

Das Wasser des Lebens

Wir kehrten zurück zum Wasser des Lebens. Mein Körper wusste, dass sie sterben wollte. Die Gefühle von Abschied und Verlust lasteten auf mir. In all den Jahren hatte ich gelernt, wie ich mich diesen Gefühlen stellen musste.

Ich erinnerte mich an meinen Lehrer.  "Menschen leben, weil sie sich für das Leben entscheiden.Niemandem ist bewusst, dass er diese Entscheidung jeden Tag trifft. Dann kommt der Moment, da will der Körper zurückkehren. Das ist der Zeitpunkt, die innere Wahl eines Menschen zu respektieren. In diesem Fall wünsche diesem Menschen alles Gute für seine letzte Reise. Du musst glauben, dass der Scheidende den Weg in die Freiheit finden wird..."

Das Wasser war nah und ich wünschte mir, der Weg wäre länger. Meine Augen wanderten über ihren zierlichen Körper, den sie Zeit ihres Lebens so wenig gemocht hatte. Ich bewunderte ihre Zierlichkeit, den ausdauernden, entschlossenen Gang. Ihre langen schwarzen Haare fielen über ihre Schulter und meine Brust füllte sich mit Trauer, weil ich in ihr noch das Leben sah.

Sie blieb stehen, drehte sich langsam um und sah mir mit traurigen braunen Augen ins Gesicht. "Lass' das Ray, du tust mir weh. Deine Trauer tut mir weh. Mein Herz ist müde. Meine Seele fühlt sich alt an. Mein Körper ist geschunden, meine Träume sind zerstört. Meine Kinder sind entschwunden, mein Herz ist leer. Ich fühle Schmerz, eines der letzten Gefühle überhaupt, das ich ehren kann. Alle anderen Gefühle haben diesen Körper verlassen. Die Hoffnung ist abgefallen, die Freude ist verdorrt und mein Herz ist blutleer. Unsere Freundschaft endet hier - am Wasser des Lebens."

Eine Träne löste sich aus ihrem linken Auge und fuhr in unregelmäßigem Weg abwärts.

"Mein Körper sehnt sich nach Ruhe, nach der heilenden Umarmung der Erde. Die Nacht ist mein Freund, der meine wunden Augen schließen wird und ich zaudere, weil noch nicht alles bezeugt ist. Willst du mein Zeuge sein Ray?"

Eingedenk meines Meisters nickte ich tapfer, nicht in meinem Inneren den Ausmaß meines Verlustes suchend, denn jetzt ging es nicht um mich. Zu trauern hatte ich später noch Zeit. Grausame Zeit, du läufst und sinkst mit Schmerzen in meine fleischlosen Arme.

"So höre denn meine letzten Worte. Ich liebte dieses Leben, wie bestimmt keine Frau zuvor. Schönheit war mir geschenkt, Gnade und Glück und dafür bin ich dankbar."

"Meinen Atem habe ich meinen Freunden und meinen Kindern gegeben. Mein Atem floss dahin, doch nichts kehrte zurück, außer Kälte und Schrecken. Warum mir soviel Kummer auferlegt wurde, vermag ich nicht zu sagen und ich trug ich diesen Kummer brav jahraus jahrein  und erfüllte meine Pflicht, bis der Kuss der Freiheit mir meine Fesseln bewusst machte und der Schmerz über den frühen Tod meiner Kinder mir meinen Lebensfaden zerriss. Mir, der es bestimmt war, Leben zu schenken. Wie sollte mir Freude erlaubt sein, wenn meine Früchte verdarben?"

"So komm", sie winkte mir, "ja komm an meine Brust, die letzten Fäden reißen und nun wird gleich der letzte Atemzug gekommen sein."

Wir umarmten uns. Dann lächelte sie und drehte sich um. "Alles gut, alles heil", murmelte sie und lachte leise, während sie aufstieg.

Inmitten der Nacht wünschte ich mir, dass die Tür der Freiheit sich öffnen würde.

12 comments:

Schweinchen Schlau said...

Einfach wunderschön! Gute Reise arme kleine Frau, ein glückliches Wiedersehen mit deinen Kindern sei dir von Herzen gegönnt!

Gabaretha said...

Lieber Rainer,
Die bewusste Entscheidung (so wie in Deiner sehr einfühlsam erzählten Geschichte) für das Leben (und auch den Tod) schenkt nach meiner Ansicht sehr viel Kraft.
...und obwohl ja jeder Mensch mit der Geburt bereits weiß, dass dieser Lebens- und Bewusstseinszustand irgendwann enden wird, kommt der Tod für viele Menschen überraschend.
Ich finde es ist immer ein guter Zeitpunkt, sich mit dem Ende des Lebens zu beschäftigen und auseinander zu setzen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag voller Freude und Leben,
besser und besser,
Gaba

Grey Owl Calluna said...

Wie erhaben, dies miterleben zu dürfen. Respekt vor dieser Frau, die diesen Augenblick mit Dir teilt.....und auch einen guten Freund braucht.
Die Zwiesprache auf anderen Ebenen ist etwas ganz besonderes, und,….vor allem, in so einem besonderen Moment.
Auch für uns werden eines Tages wieder die Fäden reißen,….zu diesem Körper….hier…..
Wunderschön ge- und beschrieben lieber Ray.
Danke!....für’ teilen.
Liebe Grüße
Grey Owl

WaldSuse said...

Ich umarm dich einfach und wünsche der unbekannten Frau gute Reise in die Freiheit des Regenbogenlandes.....

WaldSuse

PETRA JANSSEN said...

Lieber Ray -
Das Bild zum Text ist wunderschön ... als ob inmitten von der Dunkelheit eines strahlenden Sternenhimmels die Heimat in der Lagune liegt ... hach, da würde ich direkt mitreisen ... aber nur für einen Moment ... in Gedanken ... :)
Menschen in den Tod begleiten ist besonders und ich habe auf meinem Weg immer sehr viel Lernpotential angetroffen ... beiderseitig. Mögen Eure Erfahrungen Euch sanft leiten, um das Leben - zu dem der Tod als letzter Schritt dazu gehört - noch spürbarer zu machen.
In Gedanken bei Dir ... sende ich Dir alles Liebe,
Petra

Ray Gratzner said...

Liebe Frau Schlau,

vielen Dank für die Empathie und dass das Thema Dich nicht 'vergrault' hat...

Liebe Grüße Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe Gaba,

da hast Du recht, sich bewusst für das Leben zu entscheiden, ist die tägliche Aufgabe und diese Entscheidung zu festigen und zu schützen...

Liebe Grüße und viele kräftige Entscheidungen wünscht Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe Rosi,

merci. Mir hat es vor allem auch klar gemacht, dass der eigene Wunsch zu leben, für andere Menschen eine Bürde darstellen kann, die ihre Freiheit einschränkt. Mit-Menschen in Freiheit zu begegnen fällt mir mitunter schwer - aber alles eine Frage der Übung...

Liebe Grüße Rainer

Ray Gratzner said...

Liebe WaldSuse,

thank you for the hug. Now I feel shy...

CU Ray

Ray Gratzner said...

Liebe Petra, vielen Dank für Deinen Traumfaden, der dem Ganzen eine schöne Richtung gibt und eine gewisse Leichtigkeit.

Liebe Grüße an die starke Frau
Rainer

ahora-giocanda said...

Lächelnd aus dem Leben scheiden ist das größt Geschenk, dass wir uns selber machen können.

Gruß
Barbara

Ray Gratzner said...

Liebe Barbara,

ein kraftvoller Satz einer kraftvollen Frau...

Liebe Grüße Rainer