Sunday, March 16, 2008

Der alte Mann und der Bär


Ein alter Mann lebte einst in den Bergen und liebte den Bär, der in einer Höhle unweit seiner Hütte lebte. Der Bär und der alte Mann, sie kannten sich gut. Dann und wann begegneten sie sich. Der Bär duldete den Mann in seinem Revier und der alte Mann liebte es, dieses mächtige Tier in seiner Nähe zu haben.

Eines Tages kam ein harter Winter ins Land und der alte Mann fand nichts zum Jagen. Seine Nahrungsvorräte waren erschöpft und er litt schon seit zwei Wochen Hunger. Wenn der Winter weiter so streng bliebe, dann würde er an Hunger sterben. Der alte Mann wusste aber, das der Bär in seiner Höhle lag und das er den Bären im Schlaf töten konnte, dann hätte er genug zu Essen, um den Winter zu überstehen.

"Ich bin alt, ist nicht vielleicht meine Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen?", fragte sich der alte Mann. "Würde ich in diesem Tal leben wollen, wenn der mächtige Bär nicht mehr durch die Gegend streift?"

Der alte Mann war über den Punkt weg, wo der Hunger ihn quälte. Er fühlte sich wohl und war in bester Stimmung, wenngleich er von Tag zu Tag schwächer wurde.

"Was tun, sterben oder den Bär töten?" Da der alte Mann nicht wusste, was er tun sollte, wartete er auf einen Traum. Sein Leben lang hatte er wichtige Entscheidungen aufgrund eines Traumes getroffen.

Sein Schlaf war ruhig und intensiv und durch den Hunger begünstigt träumte der Mann sehr intensiv, aber eine weitere Woche lang wollte sich kein Traum einstellen.

Dann träumte er, das er sich in die Höhle des Bären schlich, um ihn zu töten. Er schoss auf den Bären mit seinem Gewehr und als er den Bär herum drehte, um zu sehen ob er noch lebte, schaute er in sein eigenes Gesicht. Da war ihm klar, dass wenn er den Bär tötete, er sich selber töten würde. "Aber zu essen habe ich auch nichts mehr und zu Hilfe wird mir in diesem Winter niemand mehr kommen."

Der alte Mann war sehr klar in seinem Inneren, als er seinen Tod beschloss. Er würde warten und verhungern. Er wäre nicht der erste und nicht der letzte Einsiedler im Wald, dem ein solches Schicksal beschieden war.

Er schlief beruhigt ein. In dem Traum, den er nun träumte liefe er alle Plätze seines Lebens ab, er war erfüllt von tiefer Liebe. Da klopfte es an seiner Tür. Augenblicklich war er im traum wieder in seiner Hütte. Er öffnete und sah den Bären. Sie sprachen nicht miteinander, aber er verstand den Bären.

"Folge mir."

Der Bär lief voraus und zeigte dem alten Mann einen Weg, den er bislang nicht kannte. Dort gab es einen kleinen Teich unter einem Bergvorsprung. Dann verschwand der Bär.

Der alte Mann erwachte. Er spürte aus der Mitte seines Körpers, was zu tun sei. Er griff den stets fertig gepackten Rucksack, zog sich warm an und verließ die Hütte. Er folgte dem Weg, den er im Traum gesehen hatte. Und richtig, es gab einen kleinen Weg hinter einem Dickicht, der ihm in all den Jahren nicht aufgefallen war. Er folgte dem Weg hinab und fand den Teich der zugefroren war. Aber inmitten des Eises sah er Fische im Eis stecken. Viele Fische, große Fische. Er war gerettet. Er verbrachte den Tag damit sich ein paar Fische aus dem Eise zu schlagen und kehrte dann zu seiner Hütte zurück. Der Bär hat mein Leben gerettet, dachte der Mann voller Dankbarkeit.

2 comments:

ahora said...

..."Er folgte dem Weg, den er im Traum gesehen hatte. Und richtig, es gab einen kleinen Weg hinter einem Dickicht, der ihm in all den Jahren nicht aufgefallen war"... Zitatende

eine wunderschöne Geschichte. Ich bin eine "Träumerin" und mein Weg wurde mir oft im Traum mit Bildern vorgezeichnet:
Der Bär vertritt unsere innere Weisheit - das Höhere Selbst.

Ist es nicht wunderbar, wie wir mit Bildern, manchmal mit und manchmal ohne Worte (in Deiner Geschichte verstanden sich Mann und Bär ohne), geführt werden?

LG
Barbara

Ray Gratzner said...

Liebe Barbara,

danke für Deinen Kommentar und Deine Deutung der Geschichte. Träumerinnen sind mir sher sympathisch.