Saturday, March 22, 2008

Mutig?


"Bist Du mutig?"

Ich hasse es, wenn er so etwas fragt. Wenn ich ja sage, dann kommt irgend etwas, das mich Gruseln lassen wird. Wenn ich nein sage, komme ich um vor Neugier, weil er mir nichts verraten wird, solange ich nicht selbst die Vorlage dazu liefere. Meine Entscheidung, mein Risiko.

"Warum?" Zeit gewonnen.

"Was ich dir zeigen möchte ist nur für mutige Leute."

"Ich bin nicht feige."

"Na lassen wir das mal als Ja gelten. Du kannst mitkommen."

Wir gehen raus vor die Tür.

"Da draußen ist ein Fressfeind. Es frisst Menschen."

Ich schaue mich um, in all der unberührten Landschaft ist kein Lebewesen zu sehen. "Tja, wo denn? Ich sehe nichts."

"Ich kann jetzt nicht darauf deuten. Wir werden ein wenig spazieren gehen, es wird Appetit bekommen und uns folgen. Wenn es sehr hungrig ist, wird es eine Wahl treffen müssen zwischen dir oder mir."

"Wozu soll das gut sein, das wir jemandem als Appetithappen vor der Nase herum laufen?"

Er kratzt sich am Kopf und setzt mehrere Male hintereinander an, als wollte er etwas sagen. Dabei japst er wie ein Fisch auf dem Land. Dann sagt er schließlich, " das weiß ich auch nicht", und geht los. Ich folge ihm. Er spinnt denke ich, durchgeknallt, und dennoch ertappe ich mich dabei, das ich mich umschaue. Ob da etwas ist, das uns folgt?

"Die Evolution hat das gut gemacht. Die Räuber haben eine feine Nase. Wenn sie Angst riechen, dann hat das die gleiche Bedeutung, als wenn im Landschulheim die Glocke zum Abendessen geläutet wird."

"Ich habe keine Angst", und das ist auch nicht gelogen, denn ich glaube ehrlich nicht an Fressfeinde.

Wir gehen eine Weile und setzen uns schließlich auf einer Wiese auf einen toten umgefallenen Baum. Er lächelt mich entspannt an.

"An dieser Stelle schlägt es am liebsten zu. Wir sind sozusagen aufgetischt."

"Wer ist dieses Es?"

"Er lächelt weiter. Die Evolution musste sich vor Millionen von Jahren entscheiden, ob es Menschen geben soll oder nicht. Menschen sind ganz besondere Lebewesen. Sie können über sich selber nachdenken. Sie können herausfinden, warum Dinge in ihnen geschehen. Sie sind innerlich verspiegelt. Wir schauen die ganze Zeit in einen Spiegel unserer Selbst, doch der Spiegel ist nur ein Spiegel, nicht mehr."

Vor uns beginnt ein wunderschöner Sonnenuntergang während auf einer Wiese gegenüber ein Jäger einen Hochsitz besteigt.

"Da ist dein Raubtier. Er hat keinen Hunger. Er tötet nicht um zu überleben, er tötet um den Tod anderer Lebewesen zu erleben. "

"Ha ha", sage ich triumphierend. "Von wegen Fressfeinde."

"Freu' dich nicht zu früh. Der da drüben kann schlecht gucken. Und die da", er deutet auf den Waldrand, wo sich ein paar Rehe blicken lassen, "habe ich in letzter Zeit ein bisschen angefüttert." Er deutet auf Futter, das nicht unweit von uns platziert ist.

"Meinst du, er kann uns von den Rehen unterscheiden?"

"Sicherlich - hoffe ich zumindest."

"Nun, um auf den Punkt zu kommen, was ich mit der Situation hier sagen will, Menschen können ihren Spiegel nutzen, sie tun es aber häufig nicht, weil sie Raubtiere sind und damit sind wir wieder bei der Entscheidung der Evolution. Die Evolution musste entscheiden, ob der Mensch ein Raubtier sein würde oder ein Plflanzenfresser. Also einer auf dem Hochsitz oder einer auf der Wiese. Sie wählte das Raubtier. Und sie wird erst wissen ob das eine weise Wahl war, wenn die Menschen den Spiegel nutzen, um ihre Raubtiernatur zu verstehen."

Die Rehe wurden mutiger und wagen sich ein wenig ins Freie. Zielstrebig kommen sie in unsere Richtung auf das Futter zu gelaufen.

"Gut, lass uns gehen."

Er steht auf. Automatisch folge ich seinem Beispiel, aber irgendwie warte ich auf einen Knall.

"Keine Angst, das hier ist eine Reviergrenze. Der da drüben müsste die lieben Rehe zu sich rüberlocken, hier sind die Rehe und wir noch vor dem Jäger sicher." Er grinst zufrieden.

"Was passiert denn, wenn die Menschen ihre Raubtiernatur im inneren Spiegel untersuchen."

"Sie werden frei davon ein Raubtier sein zu müssen, sie werden zu etwas anderem Neuem, zu dem was die Evolution von uns erwartet, denn ich glaube nicht daran, dass die Erde uns gegeben wurde, um sie uns untertan zu machen. Ich glaube wir wurden der Erde als eine Art Vorleser zugeteilt, mit der Aufgabe sie zu lieben, ihre Geschichten zu erzählen und..."

"Und..."

"Er seufzte, ihr Leben zu schützen, denn die Erde lebt."

4 comments:

Anonymous said...

Sie werden frei davon ein Raubtier sein zu müssen, sie werden zu etwas anderem Neuem, zu dem was die Evolution von uns erwartet, denn ich glaube nicht daran, dass die Erde uns gegeben wurde, um sie uns untertan zu machen. Ich glaube wir wurden der Erde als eine Art Vorleser zugeteilt, mit der Aufgabe sie zu lieben, ihre Geschichten zu erzählen und..."

"Und..."

"Er seufzte, ihr Leben zu schützen, denn die Erde lebt."

Und die Menschen auch, lieber Rainer!

Ich bin sehr berührt von dieser Geschichte und finde sie richtig platziert, gerade jetzt zum Osterfest.

Schöne Feiertage,
Dori

ahora said...

Lieber Ray, liebe Dori,
ich bin von dieser Geschichte angetan und wollte sinngemäß genau das gleiche schreiben wie Du , liebe Dori :-).
Einzelne Menschen schauen schon in den inneren Spiegel und erkennen die liebevolle und hegende Seite in sich.
Sie möchten es allen mitteilen, sie wach rütteln. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis ihre Mitteilungen auf fruchtbaren Boden fallen werden. So lange erzählen sie liebevoll Geschichten oder schreiben Gedichte.
Euch beiden die herzlichsten Grüße
am Ostersamstag
Barbara

zentao said...

Lieber Rayner
Tatsache ist, wir sind beides, Raubtiere und Pflanzenfresser.Zum überleben musste der Mensch zum Fleischfresser werden.Die Frage wäre, kann der Mensch ohne Fleisch leben. Wenn wir ganz auf Fleisch verzichten, dann müssen wir konsequent, auch auf die Milch der Kuh und auf die Eier der Vögel verzichten.Ich glaube nicht dass, die Erde uns gegeben wurde, dass sie uns untertan sei.Viel mehr denke ich,dass wir eine Verantwortung wahrnehmen sollten. Auf der einen Seite sollen alle Tiere Art gerecht leben und auf der anderen Seite muss der Mensch (das grösste Raubtier und wildeste Affe) auch leben und sich ernähren.Dass der Mensch sich nur von Pflanzlicher Kost ernähre ist eine Illusion.Entsprechend seiner Spiritueller Entwicklung wird er sich auch Ernähren.
Solange wir Fleischfabriken und Hühnerfarmen unterhalten und das alles unter Marktwirtschaftlichen Aspekten. solange wird sich auf dieser Welt kaum etwas ändern.Dass die Erde lebt bin ich auch überzeugt, sie beginnt sich zu wehren.(Klimawandel)Leider ändert sich der Mensch nur langsam
Liebe Grüsse zentao. Möglicherweise ist es schon zu spät.

Ray Gratzner said...

Liebe Dori, wer Sonne in sich trägt, der denkt auch an die Menschen. Ich bin ganz Deiner Meinung.

Liebe Barbara und Deine Gedichte und Geschichten gehören mit dazu. Danke

Lieber zentao, es ist nie einfach zu wissen was richtig ist, und die Welt ist schon so oft in Schwierigkeiten geraten, aber solange es Menschen wie Dich, Dori und Barbara gibt, gibt es berechtigte Hoffnung.